Sonntag, 4. Juni 2017

Murales



Besuchen wir doch noch das berühmt-berüchtigtste Dorf auf Sardinien, Orgosolo. Eine Schönheit ist der Ort wirklich nicht, aber es hebt sich von anderen sardischen Bergdörfern durch die vielen sozial-kritischen Murales, die viele Hauswände des Ortes zieren, sowie die jahrzehntelange Rebellion gegen die Ausbeutung durch Großgrundbesitzer und den italienischen Staat ab. Mit Familienkriegen und Raubmorden à la Robin Hood ist Orgosolo daher zu einer fragwürdigen Berühmtheit gelangt.


Zur Begrüßung empfängt uns als Erstes dieses Ortsschild:
Nein, nicht Bonanza... Orgosolo!

Salvatore, unser Reiseleiter für den Tag, hat uns erklärt, daß hier wohl ein paar Bürger des Ortes nicht mit einer Gesetzesänderung einverstanden waren. Sie zerschoßen kurzerhand das Ortsschild. Und siehe da, schon am nächsten Tag, wurde diese Änderung wieder verworfen. So geht Politik und Mitbestimmung, oder wie?


Wir kamen in diesen Ort um die zahlreichen Wandmalereien zu bewundern. Salvatore erklärte, daß die jeweiligen Häuser, die so ‚verschönt‘ wurden, bei Renovierung dazu verpflichtet sind, diese ‚Murales‘ bestehen zu lassen.




Wenn ich es richtig interpretiere geht es hier um eine sichere Welt?
Peter, Sabrina und ich kennen diese ‚Murals‘ übrigens schon aus Kalifornien, hier sind auch einige Bilder davon:
In Eureka, Kalifornien, 2011
2 von 5

3 von 5

4 von 5
5 von 5
Der einzige Unterschied ist, für den Laien, daß auf Sardinien die Bilder mit Texten, italienischen oder sardischen, versehen sind und in Kalifornien nicht.

Besagtes Bild mit Helmut Schmid, Ulrike Meinhoff, Bertold Brecht
 


Leider waren wir damit beschäftigt einen Teil, dieser ca. 120 Stück (wenn ich richtig gezählt habe, haben wir 67 abgelichtet), zu fotografieren und haben so Salvatores Erklärungen verpaßt. Nun habe ich ein wenig im Internet darüber recherchiert, bzw. Ihr müßt Euch bitte anhand des Italienischen Alles ein wenig zusammenreimen.
Noch in Nuoro gesichtet...

Mein Lieblingsbild: 'Frauen vereint Euch'.
Die Unterdrücker zündeten das Haus
mit den Frauen drin einfach an! :O
Bild über einer Notaufnahme
 

Mißstände im Bildungswesen
Greift die Situation am Gazastreifen auf
Selbstverständlich würde der Beitrag zu lang, würde ich all unsere fotografierten Murales einfügen, daher hier nur ein paar ausgesuchte.
Da ist etwas 'dringend' - 'urzente'


An einem Café
Hier geht es um Freiheit und Respekt
 

Und für den interessierten Leser, ‚beglücke‘ ich Euch hier auch noch mit meiner Internet-Recherche über die Entstehung, Bedeutung und Herkunft. Denn entgegen Salvatores Aussage, stammen die Murales nicht aus Italien, oder Sardinien, sondern aus Südamerika. Bzw. kennt man Steinmalerei ja bereits aus der Steinzeit und von überall her. SO besonders wie er getan hat sind sie daher nicht.
Ich persönlich denke mir mal, SO kann man eine alte Stadt und heruntergekommene Häuser auch aufwerten und in diesem Fall… dem Tourismus zugänglich machen.

Fußwaschung
 


Leider haben wir erst im Nachhinein herausgefunden, daß es in diesem einen Laden eine Broschüre mit allen Erklärungen darüber gegeben hätte. Ups…
Salvatore latscht durch's Bild...
Vorgehen gegen das Problem staatliche Agrarwirtschaft?
 

Harry und Peter
So ein Kerl der in dem Lokal arbeitete... und ich.
[Hier noch, als Zitat, meine Internet Recherche. Es ist viel zu lesen, daher separat, für alle Interessierten.]
>>Die ältesten Wandgemälde in Orgosolo verweisen auf den moderaten Freiheitskampf, den die um ihre Eigenständigkeit bemühten Sarden gegen die Zentralmacht Italien führten. Orgosolo war ein Hauptwiderstandsnest. Neuere Bildnisse kommentieren eher die Weltpolitik, z.B. den 11. September 2001, oder enthalten sogar Werbebotschaften.

Erste Anstöße für Wandmalereien kamen wohl aus der italienischen Studenten- und Stadtindianerbewegung nach 1968. Politisch engagierte junge Künstler lernten im Ausland die Wandmalereien Mexikos und Chiles kennen und übernahmen das spanische Wort Murales. Die Themen kamen von der sardischen Autonomiebewegung, dem zunehmenden Protest gegen den Ausverkauf der Insel an Militärs und Tourismusunternehmen, aber auch aus der sardischen Geschichte, der Welt der immer Unterlegenen, aus den harten Auseinandersetzungen zwischen Herren und Knechten in den Hirtendörfern. In kurzer Zeit wurden die Hauswände, u.a. in Orgosolo, zu Bildergeschichten über die leidvolle sardische Vergangenheit, mit der Hoffnung auf eine bessere, aber unbedingt sardische Zukunft. An den Murales arbeiteten neben Berufskünstlern auch Laien mit. Heute verbleichen die meisten Bilder, blättern ab, sind Geschichte.

Heute finden sich auch in Mexiko an nahezu allen öffentlichen Gebäuden Murales. Unter dem Namen Muralismo verbreitete sich diese Kunstform. Der Begriff Muralismo (span., übersetzt Muralismus) bezeichnet allgemein Wandmalerei im öffentlichen Raum, die Kunstform entstand in den 1920er Jahren nach der Mexikanischen Revolution. Murales sind Wandmalereien mit nationalen, sozialkritischen und historischen Inhalten. Hauptwerkzeug ist der Pinsel, es werden aber auch andere Techniken wie zum Beispiel Sprühpistolen genutzt. Die meisten Murales sind jedoch in Fresko-Technik gemalt.
Die Wandmalerei selber ist nun eine Form der Malkunst, bei der das Bild nicht, wie bei einer Tafelmalerei, auf eine Holztafel oder Leinwand aufgetragen wird und zum mobilen Einsatz bestimmt ist, sondern auf eine Wand oder Decke so appliziert wird, daß sie fest mit dem Untergrund verbunden ist. Die Wandmalerei ist neben der Bildhauerei die älteste überlieferte Kulturleistung der Menschheit.
Bei einer Wandmalerei versucht der Künstler, das charakteristisch Flächige der Wand zu wahren (strenge Wandmalerei) oder den Eindruck von Dreidimensionalität zu erzeugen (illusionistische Wandmalerei).
Es lassen sich grundsätzlich drei Arten von Maltechniken unterscheiden. Und zwar ‚al fresco‘, ‚al secco‘ und ‚Anfertigung im Atelier‘.

Bei ‚al fresco‘ werden die Farben in’s Frische, also auf den frischen Putz aufgetragen, wobei sie in einer chemischen Reaktion mit dem Putz
verkieseln und sich so unlöslich mit dem Untergrund verbinden. Das fertige Wand- oder Deckenbild wird das Fresko oder die Freske genannt.

Bei ‚al secco‘, der auf’s Trockene genannten Ausführung werden die Farben nicht auf den frischen, noch feuchten Kalkputz, sondern auf das schon trockene Mauerwerk aufgebracht. Für Bilder dieser Technik kann sich ein Künstler mehr Zeit lassen. Es kann jedoch Probleme mit der Haltbarkeit geben, da sich die Farben nicht so innig mit der Wand wie beim Fresco verbinden.

Bei ‚Anfertigung im Atelier‘ wird nicht nur der
Entwurf und die Schablonen oder andere Vorlagen für das Wandbild im Atelier des Künstlers angefertigt, sondern auch das eigentliche Werk selbst. Dies wird auf eine den architektonischen Verhältnissen des Anbringungsortes angepaßte Leinwand gemalt, die dann vor Ort aufgeklebt oder mit Hilfe eines Rahmens aufgespannt wird. Diese Methode wurde auch bereits in früheren Zeiten wegen der anstrengenden "Über Kopf"-Arbeit besonders bei der Ausführung von Deckenbildern angewandt.
Die ersten Murales entstanden in Mexiko-Stadt. Die Künstler waren dabei in der Darstellung ihrer Inhalte nahezu frei. Viele Bilder heroisieren das Arbeiter- und Bauernvolk und dessen populäre Führer, stellen Szenen der Revolution patriotisch dar, verurteilen Großgrundbesitz und stellen das Leben der Urbevölkerung des Landes idealisiert dar.
Die wichtigsten Vertreter waren die sogenannten „Los Tres Grandes“ (Die großen Drei), Orozco, Rivera und Siqueiros. Die meisten der mexikanischen Muralistas (Murales-Maler) waren männlichen Geschlechts, als erste weibliche Vertreterin dieser körperlich anstrengenden Kunstform malte Aurora Reyes 1936. Viele der heute bekannten Muralisten aus Mexiko waren linkspolitisch aktiv, einige von ihnen durchreisten auch europäische Länder, tauschten sich mit dortigen Künstlern aus und ließen sich durch die europäische Kunst in ihrem weiteren Schaffen beeinflussen.
Murales entstanden im Laufe des 20. Jahrhunderts in vielen Ländern Lateinamerikas und kamen später über die Vereinigten Staaten auch nach Europa.<<
Danke, wie immer, für Eure Aufmerksamkeit, Euer Interesse und Eure Kommentare.
Regina, Ihres Zeichens die eine Hälfte, der Hälfte des dynamischen Quartetts.

2 Kommentare:

  1. Wow, also ich finde, da sind eine Menge tolle "Hausmalereien" dabei. Teilweise echte Künstler.
    Sehr interessantes Dörfchen.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja genau Claudia, das haben wir uns auch gedacht. Damit könnte man bei uns auch Vieles aufhübschen. Ist ja im Grunde auch nichts Anderes als 'Grafitti'. Manches fand ich persönlich etwas abstrakt, aber es macht dieses kleine Städtchen ein bißchen interessanter, wenn man mal von Lage, Wetter und Meer absieht.

      Löschen

Bitte schreibt Euren Namen dazu, denn bei Anonym haben wir keine Ahnung wer uns eigentlich schreibt!